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Disruption braucht psychologische Kompetenz

Dr. Birte Schiffhauer von der Fachhochschule Bielefeld beschäftigt sich mit Wohlfahrt in der digitalen Transformation. Noch hinken besonders Organisationen des Sozialwesens in der strategischen Anwendung digitaler Technologien hinterher. Sie befinden sich zwischen einerseits wahrgenommener Notwendigkeit innovativer Technologien einzuführen, sehen andererseits aber auch Risiken, die die Digitalisierung für Mitarbeitende und Klient_innen birgt. Wie geht man damit verantwortungsvoll um? Diese und andere Fragen beantwortet sie im Interview.

Sie untersuchen im Rahmen eines Projekts, wie Digitalisierung in Organisationen menschenzentriert, ethisch und sozial vonstattengehen kann. Bewegen Sie sich damit auf Neuland?

Die Forschung auf diesem Gebiet hat erst vor kurzem Fahrt aufgenommen. Lange standen die Industrie und die für sie interessanten digitalen Technologien, die Einsatzmöglichkeiten Künstlicher Intelligenz (KI) usw. im Vordergrund. So etwas wie Forschung zu  Wohlfahrt 4.0 gab es kaum. Eine zunehmende Zahl von Veröffentlichungen deutet einen Wandel an. Als Sozialwissenschaftlerin interessieren mich andere Aspekte als Ingenieure und Ökonomen. Es geht nicht nur um höhere Produktivität und Effizienz, sondern darum, was die durch Digitalisierung, KI und Globalisierung in Gang gekommene kreative Zerstörung – sprich: Disruption – mit Menschen machen wird, inwiefern sie ihnen dienen, inwiefern sie schaden kann und was man gegebenenfalls tun muss, damit es zu Letzterem nicht kommt.

Das klingt sehr stark nach Bedarf psychologischer Kompetenz.

Da liegen Sie völlig richtig. Die Psychologie ist prädestiniert, auf diesem Gebiet, unter anderem bei den vielen Mensch-Maschine-Interaktionen einen Beitrag zu leisten. Das gilt besonders für Sozialpsychologen, die sich schon länger mit den psychologischen Aspekten der Mensch-Maschine-Interaktion beschäftigen, aber auch für A&O-Psychologen, die u.a. mit Organisationen als sozio-technischen Systemen befasst sind. Auch Gesundheitspsychologen und Psychologische Psychotherapeuten sind gefragt, um mögliche negative Auswirkungen von Digitalisierung auf die Gesundheit der Betroffenen möglichst gering zu halten.
Obwohl die Forschung zu „Wohlfahrt in der digitalen Transformation“ erst am Anfang steht,  haben wir uns entschieden, jetzt mit unserer Entwicklung eines sozialen Digitalisierungsprozesses für die Hilfs- und Wohlfahrtsorganisation ASB NRW e.V. vorzupreschen. Dieser ist bisher nur eine Heuristik, d.h. wir befinden uns in einem Prozess. Für uns ist es aber wichtig, auch das bis jetzt Ermittelte öffentlich und transparent zu machen.

Was reizt Sie am Landestag der Psychologie und dem Gespräch mit Dipl.-Psych., MA-Psychologen und Psychotherapeuten?

Psychologen sind meines Erachtens sehr wichtig für die Gestaltung von Disruption an vielen Stellen in der Gesellschaft. In der Psychologie wird viel dazu geforscht – und nicht erst seit gestern -, wie der Mensch denkt, handelt, wie er wahrnimmt, was ihn motiviert. Das Fach liefert außerdem sehr viel methodisches Wissen, wie wir es in dieser Zeit an vielen Stellen brauchen. Zweitens habe ich die Einladung gern angenommen, weil mir meine Erfahrung sagt, dass es nicht auf den einen Studiengang ankommt, sondern dass es durchaus persönlich sinnvoll und für die Gesellschaft nützlich sein kann, wenn man wie ich zuerst Sozialwissenschaften und Psychologie im Bachelor studiert, dann Systems Biology of Brain and Behaviour (das geht in Richtung Neurowissenschaften) und später in Psychologie und im Promotionsstudiengang Intelligente Systeme promoviert. Das alles hat mir sehr geholfen, als ich mit Kollegen aus verschiedenen Disziplinen später im Rahmen des Exzellenzclusters „Kognitive Interaktionstechnologie“ (CITEC) im BMBF-Projekt Kogni-Home geforscht habe. Sie haben gesagt „wir haben uns entschieden vorzupreschen“. Gemeinsam haben wir zunächst vier Dimensionen extrahiert, die uns für eine menschenzentrierte, ethische und soziale Digitalisierung essenziell erscheinen. Das sind: Risiko, Chance, Verantwortung und Notwendigkeit.

Spielen für Unternehmen nicht genau die gleichen Dimensionen eine wichtige Rolle?

Die Herangehensweise, die Gewichtungen mögen dort etwas anders sein. Aber natürlich gilt es auch dort, Risiken und Chancen für die Firma und ihre Mitarbeiter abzuwägen, Notwendiges von Nachrangigem zu unterscheiden und verantwortungsbewusst zu handeln. Meine Zusammenarbeit konzentriert sich derzeit auf den ASB NRW e.V.  und das nicht zufällig. Bereits bei ersten Vorgesprächen wurde klar, dass der ASB NRW e.V. und ich ähnliche Ziele verfolgten: beide Seiten wollten ethische und soziale Aspekte in den Blick nehmen und nicht innovative Technologien um jeden Preis durchdrücken. Es sollte möglich sein, sich von Fall zu Fall auch gegen solche zu entscheiden, wenn sie sozial oder ethisch nicht vertretbar sind.

An welchen Stellen erwarten oder beobachten Sie bereits Risiken?

Es kann zu einer Substitution von Tätigkeiten kommen, Menschen könnten durch Technologien ersetzt werden. Digitale Technologien können das Gefühl von Überwachung und Kontrolle begünstigen, zu einer höheren Arbeitsintensität und mehr unbezahlter Arbeit führen. Wir kennen aus Berichten von Krankenkassen heute schon die Hinweise auf emotionale Erschöpfung, Burnout (gerade in sozialen Berufen!) sowie Entgrenzung von Arbeit bzw. Vermischung von Arbeit und Freizeit. Von gewerkschaftlicher Seite gibt es Erkenntnisse, wonach einige Tätigkeiten durch Technik für den Menschen weniger komplex werden, was dann zu geringerer Entlohnung führen könnte. Wer wie der ASB auch mit Menschen zu tun hat, die nicht über gute soziale Netzwerke verfügen oder keinen Zugang zum Internet haben, sieht außerdem die Gefahr, dass deren soziale Teilhabe immer weiter eingeschränkt wird.

Als zweite Dimension haben Sie Verantwortung genannt. Ist damit die Verantwortung gegenüber den Beschäftigten in Wohlfahrtsverbänden gemeint oder reicht diese weiter?

Der ASB sieht sich nach eigenen Worten „als Anwalt in gesellschaftspolitischen Fragen für Benachteiligte, sozial Schwache und Menschen in Not“ an. Viele in der Wohlfahrt Beschäftigte fürchten, der durch Digitalisierung ausgelöste Wandel  bedrohe Grundfeste der Wohlfahrtspflege.

Das scheint nicht abwegig, wenn man sich die Forderungen aus der Wirtschaft an den Gesetzgeber anschaut, die in Richtung von immer mehr Flexibilität gehen und es ermöglichen, Risiken immer stärker auf das Individuum zu verlagern, die Zahl der Festangestellten dramatisch zu verringern und die der Selbstständigen zu erhöhen, die weltweit für sie tätig werden können ohne Schutz durch deutsche Gesetze und Gewerkschaften. Erkennen Sie auf der anderen Seiter auch einige Chancen durch Digitalisierung?

Viele, und zwar sowohl für MitarbeiterInnen als auch für unsere KlientInnen. Digitale Unterstützung kann Mitarbeiter entlasten. Ein selbstbestimmtes Leben kann für mehr Menschen möglich, der Zugang zu Bildung erleichtert werden. Und nicht zu vergessen: Innovative Technologien können Menschen mit Autismus oder Demenz unterstützen. Soweit ich weiß forschen Psychologen zu diesem Thema und haben dabei herausgefunden, dass Roboter Autisten helfen können, Emotionen zu erlernen und sie bei anderen Menschen zu erkennen, was ihnen bisher sehr schwerfiel. Auch kommen Menschen mit Demenz beim Einsatz eines Roboters in Pflegeheimen besser in eine Interaktion.

Sie haben da gerade mehrfach das Wort kann bzw. können benutzt. Digitalisierung schafft also weniger Tatsachen als Möglichkeiten?

Ja, was aber auch Gestaltungs- und Entscheidungsspielräume eröffnet. Sie kann positive Wirkungen nur entfalten, wenn  sichergestellt wird, dass sie menschenzentriert erfolgt und die dafür erforderlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Der beste Roboter, der theoretisch einem alten kranken Menschen helfen könnte, weiter in seiner Wohnung zu bleiben statt in ein Pflegeheim zu gehen, muss bezahlt werden und darf nicht zu Lasten der sozialen Mensch-Mensch-Interaktion eingesetzt werden. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergeht, werden die Chancen der Digitalisierung nur einseitig genutzt werden können.

Haben Sie den Eindruck, dass die Politik dieser Thematik genug Aufmerksamkeit widmet und die dafür erforderliche Kompetenz in den Regierungen und Ministerien bereits existiert?

Ich finde es wichtig, das Gespräch mit Politikern zu suchen. In NRW hatten wir 2018 ein Treffen mit der Landtagsabgeordneten Kristina Kampmann, das dazu Gelegenheit bot. Ich habe sie als sehr aufgeschlossen und interessiert wahrgenommen. Wir dürfen nur nicht warten, dass die Politik immer auf uns zukommt.

Das Gespräch führte Christa Schaffmann.

Noch mehr Informationen zum Thema finden Sie hier:
Peter Faiß, Helmut Kreidenweis: Geschäftsprozessmanagement in sozialen Organisationen. Außerdem: Digitaler Wandel in der Sozialwirtschaft- Grundlagen  -Strategien - Praxis (Herausgeber Helmut Kreidenweis
Schiffhauer, B. (2019, in Druck). Entwicklung und Durchführung eines sozialen Digitalisierungsprozesses für die Hilfs- und Wohlfahrtsorganisation Arbeiter-Samariter-Bund NRW e.V. Hrsg. Arbeiter-Samariter-Bund NRW e.V.
Schiffhauer, B. (2019). Digitalisierung menschzentriert, ethisch und sozial: Ziele und Strategien für Hilfs- und Wohlfahrtsverbände am Beispiel des ASB NRW e.V. In Digitale Transformation der Sozialen Arbeit: Rahmenbedingungen und Strategien. Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 2/2019

asb-digitalisierung.de